ISO 9001 verlangt, dass Sie Risiken und Chancen bestimmen, die Ihr QM-System beeinflussen, und gezielt Maßnahmen dazu planen. Das zuständige ISO-Komitee nennt das risikobasiertes Denken: Maßnahmen zu Risiken und Chancen planen und umsetzen, als Grundlage für ein wirksameres QM-System (ISO/TC 176/SC 2). Mit ISO 9001:2026 ist das Kapitel 6.1 neu gegliedert: Bestimmen (6.1.1), Maßnahmen zu Risiken (6.1.2) und Maßnahmen zu Chancen (6.1.3) stehen jetzt getrennt (Global ACI-TECH-3-TR).

Eine bestimmte Methode schreibt die Norm nicht vor. Für die meisten kleinen Betriebe reicht eine gut gepflegte Liste mit einer einfachen Bewertung. Eine Vorlage dafür steht weiter unten.

Was die Norm verlangt

In eigenen Worten zusammengefasst:

  • Sie bestimmen Risiken und Chancen und berücksichtigen dabei die internen und externen Themen Ihres Unternehmens und die Anforderungen der interessierten Parteien.
  • Ziel ist, dass das QM-System seine Ergebnisse erreicht, erwünschte Wirkungen verstärkt, unerwünschte verhindert oder verringert und Verbesserung erreicht wird.
  • Sie planen Maßnahmen, binden sie in Ihre Prozesse ein und prüfen, ob sie wirken.
  • Die Maßnahmen stehen im Verhältnis zur möglichen Auswirkung auf die Konformität Ihrer Produkte und Dienstleistungen. Ein kleines Risiko braucht keine große Maßnahme.

Den genauen Wortlaut finden Sie im Normtext. Wie Kontext und interessierte Parteien zusammenhängen, steht unter ISO-9001-Anforderungen.

Neu in der Fassung 2026: Risiken und Chancen getrennt

AbschnittInhalt
6.1.1Risiken und Chancen bestimmen
6.1.2Maßnahmen zu Risiken
6.1.3Maßnahmen zu Chancen

ISO beschreibt die Änderung als klarere Unterscheidung zwischen dem Steuern von Risiken und dem Nutzen von Chancen; beides soll in Entscheidungen und in die fortlaufende Verbesserung einfließen (ISO). Für die Praxis heißt das: Chancen sind nicht einfach die Kehrseite der Risiken. „Wir verlieren vielleicht einen Großkunden“ ist ein Risiko; „Wir könnten eine neue Kundengruppe erschließen“ ist eine eigene Chance mit eigenen Maßnahmen. Führen Sie deshalb zwei getrennte Listen oder zwei Blätter.

Woher Risiken und Chancen kommen

Die Quellen sind die Themen aus Ihrer Kontextanalyse und die Erwartungen der interessierten Parteien:

BereichMögliches RisikoMögliche Chance
KundenAbhängigkeit von wenigen Großkundenneue Kundengruppe, Wartungsverträge
PersonalFachkräftemangel, Wissen hängt an einer PersonAusbildung, Quereinsteiger
LieferantenAusfall eines Lieferanten, PreissprüngeEinkaufsgemeinschaft, zweiter Lieferant
Technikveraltete Maschinen, IT-AusfallDigitalisierung der Auftragsabwicklung
Gesetze und Normenneue VorschriftenAusschreibungen, die ein Zertifikat verlangen
Klima und UmweltHitze, Starkregen, Lieferengpässeenergiesparende Produkte, neue Nachfrage

Seit der Ergänzung von 2024 müssen Sie prüfen, ob der Klimawandel für Ihr Unternehmen ein relevantes Thema ist; ISO 9001:2026 hat das übernommen (ISO). Ist er relevant, gehört er in diese Betrachtung.

So bewerten Sie Risiken

Ein einfaches Schema mit zwei Fragen reicht für die meisten Betriebe. Es ist ein Vorschlag, keine Vorgabe der Norm:

WertWahrscheinlichkeitAuswirkung
1selten, in den nächsten Jahren kaum zu erwartengering, schnell behoben, kein Kunde merkt es
2möglich, kann in einem Jahr vorkommenspürbar, Nacharbeit, verärgerter Kunde
3häufig, kommt immer wieder vorschwer, Auftrag gefährdet, Sicherheit oder Gesetz betroffen

Multiplizieren Sie beide Werte. Ergebnis 1 bis 2: beobachten. 3 bis 4: Maßnahme prüfen. 6 bis 9: Maßnahme festlegen, mit Verantwortlichem und Termin. Wichtig ist nicht die genaue Zahl, sondern dass Sie die Risiken im Team ehrlich einschätzen und die großen zuerst angehen.

So bewerten Sie Chancen

Für Chancen passen andere Fragen: Wie groß ist der Nutzen, und wie hoch ist der Aufwand?

Aufwand geringAufwand hoch
Nutzen hochsofort umsetzenplanen, Budget klären
Nutzen geringnebenbei mitnehmenverwerfen oder später prüfen

Auch eine verworfene Chance ist ein Ergebnis. Halten Sie kurz fest, warum Sie sie nicht verfolgen.

Vorlage: zwei Blätter zum Kopieren

Die Beispielzeilen gehören zu einem frei erfundenen Metallbaubetrieb mit 25 Beschäftigten.

Blatt 1: Risiken (W = Wahrscheinlichkeit, A = Auswirkung, je 1 bis 3)

RisikoUrsacheWAW × AMaßnahmeVerantwortlichTerminWirksam?
Ausfall des einzigen Verzinkersein Lieferant für alle Aufträge236zweiten Verzinker prüfen und freigebenEinkauf30.06.
Fehler beim AufmaßZeitdruck, keine Checkliste326Checkliste Aufmaß, Vier-Augen-Prinzip bei GroßaufträgenBauleitung31.03.
Schweißwissen hängt an einer Personnur ein Mitarbeiter mit Prüfung236zweiten Mitarbeiter schulenInhaber31.12.
Hitze in der Halle im SommerKlimawandel, alte Halle212beobachten, SommerarbeitszeitenInhaberlaufend

Blatt 2: Chancen

ChanceNutzenAufwandEntscheidungMaßnahmeVerantwortlichTerminErgebnis
öffentliche Ausschreibungen mit ZertifikatspflichthochmittelumsetzenZertifizierung abschließen, Angebote vorbereitenInhaber30.09.
digitale Auftragsmappe auf TabletsmittelmittelPilotzwei Montageteams testen drei MonateBauleitung31.05.
Wartungsverträge für Tore und GeländermittelgeringumsetzenAngebot an BestandskundenVertrieb30.04.

Die letzte Spalte füllen Sie später: Hat die Maßnahme gewirkt, wurde die Chance genutzt? Genau danach fragt die Auditorin. Weitere Arbeitshilfen finden Sie unter Vorlagen und Checklisten.

Methoden, die helfen

  • SWOT-Analyse: Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken in vier Feldern; gut für den Einstieg in einem Workshop.
  • Brainstorming im Team: Wer täglich arbeitet, kennt die Risiken. Fragen Sie: Was ist im letzten Jahr schiefgegangen, was hätte schiefgehen können?
  • FMEA: für Risiken in Produkten und Prozessen, wenn Fehler teuer oder gefährlich sind.
  • Auswertung von Reklamationen und Audits: Wiederkehrende Fehler zeigen, wo Risiken unterschätzt wurden.

Vom risikobasierten Denken in ISO 9001 zu unterscheiden ist ein eigenes Risikomanagementsystem, etwa nach dem Leitfaden ISO 31000 (MPA NRW). ISO 9001 verlangt ein solches System nicht; es kann sich aber lohnen, wenn Ihre Branche oder Ihre Kunden es erwarten.

Wie oft Sie die Liste prüfen

  • Mindestens einmal im Jahr, am besten vor der Managementbewertung. Dort bewertet die Leitung auch, wie wirksam die Maßnahmen waren.
  • Bei Änderungen, etwa einem neuen Standort, einem neuen Produkt oder dem Verlust eines Großkunden.
  • Nach Vorfällen, wenn ein Fehler oder eine Reklamation ein Risiko zeigt, das noch nicht auf der Liste stand.

Was die Auditorin fragt

  • Wie haben Sie Ihre Risiken und Chancen bestimmt, und wer war beteiligt?
  • Woher kommen die Einträge, aus der Kontextanalyse, aus Reklamationen?
  • Welche Maßnahmen haben Sie umgesetzt, und woran sehen Sie, dass sie gewirkt haben?
  • Welche Chancen verfolgen Sie gerade, und wie sind sie in Ihre Ziele eingeflossen?

Häufige Fehler

  • Die Liste aus dem Internet: Fremde Risikolisten passen nicht zu Ihrem Betrieb und fallen im Gespräch auf.
  • Chancen vergessen: Nach der Fassung 2026 fällt eine reine Risikoliste deutlicher auf.
  • Maßnahmen ohne Termin: Eine Maßnahme ohne Verantwortlichen und Termin wird nicht umgesetzt.
  • Keine Wirksamkeitsprüfung: Erledigt heißt noch nicht wirksam.
  • Einmal erstellt, nie gepflegt: Eine Liste vom Zertifizierungsjahr ist drei Jahre später veraltet.

Wo Risiken und Chancen im Gesamtsystem stehen, zeigt der Artikel Qualitätsmanagementsystem. Was sich mit der Fassung 2026 insgesamt ändert, steht unter ISO 9001:2026: Was sich ändert.