Die FMEA, die Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse, sucht Fehler, bevor sie entstehen. Ein Team untersucht systematisch, was an einem Produkt oder Prozess schiefgehen kann, welche Folgen das hätte und welche Ursachen dahinterstehen. Dann bewertet es das Risiko und legt Maßnahmen fest. Der Gedanke ist einfach: Ein Fehler, der in der Planung gefunden wird, kostet einen Bruchteil eines Fehlers beim Kunden.

Maßgeblich in der Automobilindustrie ist das gemeinsame FMEA-Handbuch von AIAG und VDA, erste Ausgabe Juni 2019 (VDA QMC). Es hat das Vorgehen in sieben Schritte gegliedert und die Risikoprioritätszahl durch die Aufgabenpriorität ersetzt. Die Grundidee eignet sich aber für jeden Betrieb.

Die Arten der FMEA

ArtWas untersucht wirdBeispiel
Design-FMEAein Produkt, seine Bauteile und Funktionenein neues Geländersystem: Was passiert, wenn eine Verbindung bricht?
Prozess-FMEAdie Herstellung oder Erbringung, Schritt für SchrittSchweißen, Beschichten, Montieren; auch ein Dienstleistungsablauf
FMEA für Überwachung und Systemreaktionwie ein System Fehler im Betrieb erkennt und darauf reagiertetwa Elektronik, die einen Sensorausfall meldet und in einen sicheren Zustand geht

Die dritte Art hat das AIAG-VDA-Handbuch als Ergänzung zur Design-FMEA eingeführt (Quality Digest, Fachbeitrag). Für die meisten kleinen und mittleren Betriebe sind Design- und Prozess-FMEA die wichtigen.

Die sieben Schritte nach AIAG und VDA

SchrittWas passiertErgebnis
1 Planung und VorbereitungZweck, Umfang, Zeitplan, Team und Aufgaben festlegenProjektplan der FMEA
2 StrukturanalyseProdukt oder Prozess in seine Elemente zerlegen und darstellenStrukturbaum oder Prozessablauf
3 FunktionsanalyseFunktionen und Anforderungen jedes Elements bestimmenFunktionen mit Kriterien
4 FehleranalyseFehlerarten, ihre Folgen und Ursachen bestimmenFehlerketten: Folge, Fehlerart, Ursache
5 Risikoanalysevorhandene Vermeidungs- und Entdeckungsmaßnahmen erfassen, Bedeutung, Auftreten und Entdeckung bewertenBewertung und Aufgabenpriorität
6 OptimierungMaßnahmen festlegen, Verantwortliche und Termine benennen, neu bewertenMaßnahmenplan, reduziertes Risiko
7 ErgebnisdokumentationErgebnisse, Risikominderung und verbleibendes Risiko zusammenfassen und kommunizierenBericht

Die Schritte folgen dem Handbuch, zusammengefasst nach einem Fachbeitrag (Quality Digest). Bemerkenswert ist Schritt 1: Schon die Planung verlangt ein fachübergreifendes Team. Eine FMEA, die eine Person allein ausfüllt, verfehlt ihren Zweck.

Die Fehlerkette: Folge, Fehlerart, Ursache

Der Kern jeder FMEA ist die Fehlerkette. Sie verbindet drei Ebenen:

  • Fehlerfolge: Was merkt der Kunde oder der nächste Prozess? Etwa „Geländer wackelt, Sturzgefahr“.
  • Fehlerart: Wie versagt das Element? Etwa „Schweißnaht trägt nicht“.
  • Fehlerursache: Warum versagt es? Etwa „zu geringe Einbrandtiefe durch falschen Schweißstrom“.

Wer die Kette sauber trennt, findet passende Maßnahmen: gegen die Ursache vorbeugen, die Fehlerart entdecken, die Folge begrenzen.

Bewertung: Bedeutung, Auftreten, Entdeckung

Jede Fehlerkette wird auf drei Skalen von 1 bis 10 bewertet (Quality Digest):

KürzelBewertungFrage1 heißt10 heißt
BBedeutung der FolgeWie schlimm ist die Folge für den Kunden?kaum spürbarGefahr für Sicherheit oder Gesetzesverstoß
AAuftreten der UrsacheWie wahrscheinlich tritt die Ursache trotz Vorbeugung auf?praktisch niesehr häufig
EEntdeckungWie sicher wird der Fehler vor Auslieferung entdeckt?fast sicher entdecktkaum zu entdecken

Die genauen Bewertungstabellen stehen im Handbuch. Wichtig ist, dass alle im Team dieselben Maßstäbe nutzen und die Bewertung auf Daten beruht, etwa auf Reklamationen, Prüfergebnissen oder Erfahrungen mit ähnlichen Produkten.

Vermeidung und Entdeckung: der Unterschied

In Schritt 5 erfassen Sie, was heute schon gegen jede Fehlerkette getan wird. Dabei gibt es zwei Arten von Maßnahmen, die unterschiedlich wirken:

VermeidungsmaßnahmeEntdeckungsmaßnahme
Zielverhindert, dass die Ursache auftrittfindet den Fehler, bevor er beim Kunden ankommt
wirkt aufAuftreten (A)Entdeckung (E)
BeispieleArbeitsanweisung mit festen Parametern, Vorrichtung, die nur eine Lage zulässt, SchulungPrüfung nach dem Schweißen, Messung vor dem Versand, Sensor in der Anlage

Vermeidung ist fast immer besser als Entdeckung: Ein Fehler, der gar nicht erst entsteht, muss weder gefunden noch nachgearbeitet werden. Eine FMEA, die nur zusätzliche Prüfungen als Maßnahmen nennt, hat das Ziel verfehlt.

Von der RPZ zur Aufgabenpriorität

Früher wurden die drei Werte multipliziert: Risikoprioritätszahl RPZ = B × A × E, mit Werten von 1 bis 1.000. Das Problem zeigt ein Rechenbeispiel:

FehlerBAERPZ
Schweißnaht trägt nicht, Sturzgefahr102240
Kratzer in der Beschichtung45240

Beide haben dieselbe RPZ, aber niemand würde sie gleich behandeln. Das AIAG-VDA-Handbuch ersetzt die RPZ deshalb durch die Aufgabenpriorität (AP): Eine Tabelle ordnet jede Kombination von B, A und E einem hohen, mittleren oder niedrigen Handlungsbedarf zu (Quality Digest). Ziel ist, die Mittel zuerst auf die gefährlichsten Risiken zu lenken (Anackovski und Kuzmanov 2021); ein sicherheitskritischer Fehler wird so nicht mehr gleich behandelt wie ein Schönheitsfehler mit derselben RPZ. Wer nicht für die Automobilindustrie arbeitet, kann weiter mit der RPZ arbeiten, sollte aber hohe Bedeutungswerte immer gesondert betrachten.

Beispiel: Prozess-FMEA für das Schweißen von Geländerpfosten

Ein frei erfundener Metallbaubetrieb untersucht einen Schritt seiner Fertigung. Die Bewertungen sind Teameinschätzungen im Beispiel.

ProzessschrittFehlerartFolgeUrsacheVorbeugung heuteEntdeckung heuteBAEMaßnahme
Pfosten an Fußplatte schweißenNaht trägt nichtGeländer wackelt, Sturzgefahrfalscher SchweißstromEinstellwerte am Gerät angeschriebenSichtprüfung1036Parameter je Materialstärke in Arbeitsanweisung, Probestück je Schicht mit Biegeprobe
Pfosten an Fußplatte schweißenPfosten schiefMontage nicht möglich, NacharbeitVorrichtung verschlissenkeineMessung bei Montage547Vorrichtung in Wartungsplan, Winkelprüfung vor Versand
NahtvorbereitungRückstände auf der NahtBeschichtung blättert abReinigung vergessenmündliche Einweisungkeine659Reinigung in Arbeitsanweisung, Sichtprüfung mit Freigabe

Nach Umsetzung der Maßnahmen bewertet das Team neu. Bei der ersten Zeile bleibt die Bedeutung bei 10, denn die Folge ändert sich nicht; Auftreten und Entdeckung sinken. Genau so soll es sein: Maßnahmen wirken auf Ursache und Entdeckung, nicht auf die Schwere der Folge.

Vorlage: FMEA-Formblatt zum Kopieren

Element oder ProzessschrittFunktionFehlerartFehlerfolgeFehlerursacheVorbeugungEntdeckungBAEPrioritätMaßnahmeVerantwortlichTerminB neuA neuE neu

Kopf des Blattes: Produkt oder Prozess, Team, Datum, Stand, Bewertungsgrundlage (RPZ oder AP). Weitere Arbeitshilfen finden Sie unter Vorlagen und Checklisten.

So läuft eine FMEA-Sitzung ab

  1. Ziel und Umfang klären: Welches Produkt, welcher Prozessabschnitt, welche Schnittstellen?
  2. Struktur zeigen: Prozessablauf oder Strukturbaum an die Wand, damit alle dasselbe Bild haben.
  3. Funktionen sammeln: Was soll jedes Element leisten, woran misst man es?
  4. Fehlerketten bilden: für jede Funktion Fehlerarten, Folgen und Ursachen.
  5. Bewerten: zuerst die Bedeutung, dann Auftreten und Entdeckung, mit Daten.
  6. Maßnahmen festlegen: mit Verantwortlichen und Terminen; Termin für die Neubewertung.

Eine Sitzung sollte nicht zu lang werden; konzentriertes Arbeiten an wenigen Fehlerketten bringt mehr als ein ganzer Tag im Besprechungsraum.

Design- und Prozess-FMEA hängen zusammen

Design- und Prozess-FMEA ergänzen sich. Was die Design-FMEA als wichtiges Merkmal erkennt, etwa die Tragfähigkeit einer Schweißverbindung, muss die Prozess-FMEA absichern. Umgekehrt zeigt die Prozess-FMEA, welche Fehler in der Herstellung entstehen können und welche Folgen sie für das Produkt hätten. Stimmen Sie beide deshalb ab, wenn verschiedene Teams sie erstellen.

Wann sich eine FMEA lohnt

  • bei neuen Produkten und Prozessen, bevor sie in Serie gehen
  • bei Änderungen an Konstruktion, Material, Lieferant oder Ablauf
  • bei sicherheitsrelevanten Produkten
  • bei neuen Lieferanten für kritische Teile oder ausgelagerte Prozessschritte
  • nach schweren Reklamationen: Im Schritt D7 eines 8D-Reports gehört die FMEA aktualisiert
  • wenn Kunden sie verlangen, etwa in der Automobilzulieferung

Für einfache, stabile Abläufe ist eine vollständige FMEA oft zu aufwendig. Dort reicht eine einfache Risikoliste, wie sie der Artikel Risiken und Chancen zeigt.

FMEA und ISO 9001

ISO 9001 verlangt, Risiken und Chancen zu bestimmen und Maßnahmen zu planen, schreibt aber keine Methode vor. Das zuständige ISO-Komitee beschreibt risikobasiertes Denken als Planen und Umsetzen von Maßnahmen zu Risiken und Chancen (ISO/TC 176/SC 2). Die FMEA ist dafür ein starkes Werkzeug auf Produkt- und Prozessebene. Für die Risiken des Unternehmens insgesamt, etwa Fachkräftemangel oder Abhängigkeit von Kunden, ist sie dagegen ungeeignet.

Das FMEA-Team

Eine gute FMEA braucht verschiedene Blickwinkel:

  • Moderation: kennt die Methode, hält das Team bei der Sache, ist nicht selbst Partei
  • Konstruktion oder Planung: kennt Funktionen und Anforderungen
  • Fertigung oder Ausführung: weiß, was im Alltag schiefgeht
  • Qualität: bringt Daten aus Prüfungen und Reklamationen
  • bei Bedarf: Einkauf, Lieferant, Service, Kunde

Ein kleines Kernteam arbeitet schneller; holen Sie weitere Fachleute gezielt für einzelne Sitzungen dazu. Planen Sie lieber mehrere kurze Termine als einen langen.

Häufige Fehler

  • FMEA nach dem Serienstart: Eine FMEA, die nachträglich für den Kunden ausgefüllt wird, hat keinen Nutzen.
  • Alte FMEA kopiert: Ohne Prüfung übernommene Bewertungen passen selten zum neuen Produkt.
  • Bewertung ohne Daten: Bauchgefühl statt Reklamations- und Prüfdaten.
  • Keine Maßnahmen: Die Bewertung ist nicht das Ziel, sondern die Maßnahme.
  • Nie aktualisiert: Reklamationen und Änderungen müssen in die FMEA zurückfließen.
  • Bedeutung schöngerechnet: Maßnahmen senken Auftreten oder Entdeckung, nicht die Schwere der Folge. Wer die Bedeutung nachträglich herabsetzt, verfälscht das Ergebnis.

Alle Methoden im Überblick finden Sie im Bereich Methoden.