Eine Prozesslandkarte zeigt auf einer Seite alle Prozesse Ihres Unternehmens und wie sie zusammenhängen. ISO 9001 schreibt die Form nicht vor. Die Norm verlangt aber in Kapitel 4.4, dass Sie die Prozesse Ihres QM-Systems bestimmen, ihre Abfolge und Wechselwirkungen kennen und sie steuern. Die Prozesslandkarte ist dafür das übliche Werkzeug: Auditorinnen fragen fast immer danach, und neue Mitarbeitende verstehen damit schnell, wie der Betrieb funktioniert.

Der prozessorientierte Ansatz bleibt auch in ISO 9001:2026 einer der Grundpfeiler der Norm (ISO). Eine gute Prozesslandkarte bleibt also über die Umstellung hinaus gültig.

Der Aufbau: drei Ebenen

Die meisten Prozesslandkarten ordnen die Prozesse in drei Gruppen:

EbeneWas dazugehörtBeispiele
Führungsprozessesteuern das Unternehmen und das QM-SystemStrategie und Ziele, Managementbewertung, interne Audits, Risiken und Chancen
Kernprozesseschaffen den Nutzen für den Kunden, vom Auftrag bis zur LieferungAngebot und Auftrag, Entwicklung, Fertigung oder Dienstleistung, Prüfung, Versand, Service
Unterstützungsprozessesorgen dafür, dass die Kernprozesse laufenEinkauf, Personal, IT, Instandhaltung, Prüfmittel, Dokumentenlenkung

Links steht in der Darstellung meist der Kunde mit seinen Anforderungen, rechts der Kunde mit seiner Zufriedenheit. Dazwischen laufen die Kernprozesse von links nach rechts. Die Führungsprozesse liegen darüber, die Unterstützungsprozesse darunter.

Beispiel 1: Metallbaubetrieb mit 25 Beschäftigten

Ein frei erfundener Betrieb, der Geländer, Treppen und Stahlkonstruktionen nach Kundenauftrag fertigt und montiert:

EbeneProzesse
FührungUnternehmensplanung und Ziele · Managementbewertung · interne Audits · Risiken und Chancen · fortlaufende Verbesserung
KernAnfrage und Angebot → Auftragsklärung und Aufmaß → Konstruktion → Fertigung → Oberfläche (extern) → Montage → Abnahme und Rechnung → Gewährleistung
UnterstützungEinkauf und Lieferantenbewertung · Personal und Qualifikation (z. B. Schweißer) · Maschinen und Instandhaltung · Prüf- und Messmittel · Dokumente und IT

Zwei Dinge fallen an dem Beispiel auf: Die Oberflächenbehandlung ist ausgelagert, gehört aber trotzdem in die Landkarte, weil Sie den Lieferanten steuern müssen. Und Gewährleistung ist ein Kernprozess, denn auch Reklamationen gehören zur Leistung für den Kunden.

Beispiel 2: IT-Dienstleister mit 12 Beschäftigten

Ein frei erfundenes Systemhaus, das Netzwerke und Arbeitsplätze für kleine Firmen betreut:

EbeneProzesse
FührungStrategie und Ziele · Managementbewertung · interne Audits · Risiken und Chancen
KernBeratung und Angebot → Projektplanung → Einrichtung beim Kunden → Übergabe und Einweisung → laufende Betreuung und Störungsannahme → Vertragsverlängerung
UnterstützungEinkauf von Hard- und Software · Personal und Zertifikate der Techniker · eigene IT und Datensicherung · Wissensdatenbank · Dokumente

Hier ist die laufende Betreuung der wichtigste Kernprozess, denn dort entsteht die Kundenzufriedenheit. Passende Kennzahlen sind Reaktionszeit und Anteil der im ersten Kontakt gelösten Störungen.

Beispiel 3: Großhändler mit 30 Beschäftigten

Ein frei erfundener Händler für Befestigungstechnik, der an Handwerksbetriebe liefert:

EbeneProzesse
FührungUnternehmensplanung · Sortimentsentscheidungen · Managementbewertung · interne Audits · Risiken und Chancen
KernBestellannahme → Verfügbarkeitsprüfung → Kommissionierung → Versand → Rechnung → Retouren und Reklamationen
UnterstützungEinkauf und Lieferantenbewertung · Wareneingangsprüfung · Lager und Bestandsführung · Personal · IT und Warenwirtschaft

Ein Händler entwickelt und fertigt nichts selbst. Entscheidend sind deshalb Lieferantensteuerung, Wareneingang und Lieferfähigkeit. Die Entwicklungsanforderungen der Norm treffen hier in der Regel nicht zu; das wird im Anwendungsbereich begründet.

Vorlage zum Kopieren

Übertragen Sie die Tabelle in Ihr Textprogramm oder Ihre Tabellenkalkulation und ersetzen Sie die Beispiele:

EbeneProzessVerantwortlichWichtigste EingabeWichtigstes ErgebnisKennzahl
FührungUnternehmensplanung und ZieleGeschäftsführungKontext, Kennzahlen des VorjahresJahreszieleZielerreichung
FührungManagementbewertungGeschäftsführungErgebnisse aller ProzesseEntscheidungen, MaßnahmenUmsetzung der Maßnahmen
KernAngebot und AuftragVertriebKundenanfragegeprüfter AuftragAngebots-Erfolgsquote
KernLeistungserbringungProduktion oder Projektleitunggeprüfter Auftraggeliefertes Produkt oder LeistungTermintreue, Fehlerquote
KernReklamation und ServiceQualitätsmanagementKundenreklamationgelöste Reklamation, Ursache behobenReklamationsquote
UnterstützungEinkaufEinkaufBedarfbewertete Lieferanten, MaterialLieferantenbewertung
UnterstützungPersonalGeschäftsführungPersonalbedarfqualifizierte MitarbeitendeSchulungsquote

Die Spalten Verantwortlich, Eingabe, Ergebnis und Kennzahl sind nicht Pflicht. Sie helfen aber im Audit, weil Sie damit zeigen, dass jeder Prozess gesteuert wird. Weitere Vorlagen finden Sie unter Vorlagen und Checklisten.

In fünf Schritten zur eigenen Prozesslandkarte

  1. Mit dem Kunden beginnen. Was bestellt der Kunde, was bekommt er am Ende? Daraus ergeben sich die Kernprozesse.
  2. Kernprozesse in Reihenfolge bringen. Wenige Hauptschritte vom Auftrag bis zur Lieferung reichen meist; Details kommen später in die Prozessbeschreibung.
  3. Unterstützung und Führung ergänzen. Was braucht jeder Kernprozess, und wo wird gesteuert und bewertet?
  4. Wechselwirkungen prüfen. Welche Ergebnisse gehen von einem Prozess in den nächsten? Pfeile oder eine Spalte Eingabe und Ergebnis zeigen das.
  5. Mit den Beteiligten abstimmen. Eine Landkarte, die nur die QM-Beauftragte versteht, hilft niemandem. Hängen Sie sie aus und fragen Sie nach.

Am schnellsten geht das in einem Workshop: Schreiben Sie mit den Beteiligten jeden Prozess auf eine Karte, ordnen Sie die Karten an einer Wand in drei Reihen und verschieben Sie, bis alle zustimmen. Das Foto der Wand ist der erste Entwurf.

So stellen Sie die Landkarte dar

  • Eine Seite, quer, gut lesbar auch ausgedruckt.
  • Drei Farben für die drei Ebenen, sonst schlicht.
  • Kurze Namen aus Hauptwort und Tätigkeit, etwa „Angebot und Auftrag“.
  • Pfeile sparsam: Die Hauptrichtung der Kernprozesse genügt; feine Verbindungen gehören in die Prozessbeschreibungen.
  • Version und Datum in eine Ecke, denn auch die Landkarte ist ein gelenktes Dokument.

Vom Prozess zur Kennzahl

Jeder Prozess auf der Landkarte sollte eine Kennzahl haben, an der Sie sehen, ob er funktioniert. Gute Kennzahlen sind einfach zu erheben und beeinflussbar:

ProzessMögliche Kennzahl
Angebot und AuftragAnteil gewonnener Angebote, Aufträge mit Nachforderungen
Fertigung oder DienstleistungTermintreue, Nacharbeit, Fehlerquote
ReklamationAnzahl berechtigter Reklamationen, Bearbeitungsdauer
EinkaufLiefertreue und Reklamationen je Lieferant
PersonalSchulungstage, besetzte Stellen
Führungerreichte Qualitätsziele, umgesetzte Maßnahmen aus der Managementbewertung

Die Kennzahlen fließen in die Managementbewertung ein und zeigen, wo Verbesserung nötig ist.

Was die Auditorin an der Landkarte prüft

  • Passen die Prozesse zum tatsächlichen Betrieb, auch zu ausgelagerten Tätigkeiten?
  • Hat jeder Prozess eine verantwortliche Person, und weiß diese Person das?
  • Wie wird jeder Prozess gesteuert und gemessen?
  • Wo stehen Risiken und Chancen, interne Audits und die Managementbewertung?
  • Ist die Landkarte aktuell, oder zeigt sie einen Stand von vor Jahren?

Häufige Fehler

  • Abteilungen statt Prozesse: „Vertrieb“, „Produktion“, „Buchhaltung“ ist ein Organigramm. Prozesse beschreiben, was passiert, etwa „Angebot und Auftrag“.
  • Zu fein: Einzelne Tätigkeiten wie „Rechnung schreiben“ gehören in die Prozessbeschreibung, nicht in die Landkarte.
  • Ausgelagertes fehlt: Was Lieferanten für Sie erledigen, etwa Oberflächen, Transport oder IT, steuern Sie trotzdem.
  • Einmal gemalt, nie gepflegt: Ändert sich ein Ablauf, ändern Sie auch die Landkarte. Sonst passt sie im Audit nicht zur Wirklichkeit.

Wie es weitergeht

Für jeden wichtigen Prozess schreiben Sie danach eine kurze Prozessbeschreibung. Die Landkarte gehört an den Anfang Ihres QM-Handbuchs, wenn Sie eines führen. Welche Prozesse die Norm im Einzelnen erwartet, steht unter ISO-9001-Anforderungen, wie das ganze System entsteht, unter QM-System aufbauen.